Teilprojekt 2:

Sabine Hamann

Schülervorstellungen zur Landwirtschaft im Kontext einer Bildung für nachhaltige Entwicklung

 

Im Sachunterricht der Grundschule wird in allen Lehrplänen und Richtlinien die Landwirtschaft als Teil des unmittelbaren Nahraumes bzw. als Lebensgrundlage für die Ernährung und die Gestaltung der Landschaft thematisiert. Doch welche Vorstellungen von der Landwirtschaft bringen Kinder in den Unterricht mit? Sind neben zunehmendem Fehlen von Grundlagenwissen und romantischen Konzepten aus der vorschulischen Zeit und durch die Katastrophenmeldungen der Medien Vorverurteilungen der Landwirtschaft gegeben und erschweren den Aufbau des Grundlagenwissens über Zusammenhänge bei der Nahrungsmittelproduktion, bei der Gestaltung der Landschaft, dem Zusammenhang von Kultur und Natur?

Durch einen begrenzten Zugang zur Realität landwirtschaftlicher Produktion geht der Bezug zur eigenen Gesundheit, aber auch zu den Produktionsbedingungen in der Landwirtschaft und damit für die natürlichen Ressourcen mehr und mehr verloren. Nachhaltige Wirtschaftsformen in der Landwirtschaft können nur durch den Einbezug von ökologischen und sozialen Dimensionen in bspw. Kaufentscheidungen von Lebensmitteln gefördert werden. Handeln Konsumenten lediglich nach ökonomischen Gesichtspunkten, so werden die negativen externen Effekte einer spezialisierten und rationalisierten konventionellen Landwirtschaft zunehmen, eine nachhaltige Entwicklung kann nicht erfolgen. Bildungspolitische Vorgaben weisen aber auf eine „Neuausrichtung der Bildung auf eine nachhaltige Entwicklung“[1] hin, die durch die Umweltgutachten des Rats von Sachverständigen für Umweltfragen gestützt werden. Die Nachhaltigkeit als Bildungsziel ist in der globalisierten Einen Welt der entscheidende Maßstab und Kompass für die Beantwortung der drängenden Zukunftsfragen unserer Gesellschaft.

Als neuere empirische Untersuchungen über das landwirtschaftliche Wissen von Kindern und Jugendlichen ist die von der Ceja[2] in Auftrag gegebene europäische Studie „Children´s knowledge of agriculture“ von Christian Holst zu benennen, sowie die Studie „Kommunikation Landwirtschaft – Schule“, die von Terrsona Consulting, Herdern im Auftrag des Landwirtschaftlichen Informationsdienstes mit Schweizer Kindern und Jugendlichen durchgeführt wurde.

Bei diesen Dokumentationen von Faktenwissen der Kinder über landwirtschaftliche Produktionsweisen bleiben Vorstellungen von Schülern, Konzepte und Erklärungsmodelle jedoch weitgehend unberücksichtigt. Diese Vorstellungen wurden im Teilprojekt von Sabine Hamann mittels zwei Untersuchungszugängen erhoben, die es triangulatorisch zu verbinden galt: durch eine quantitative Erhebung in Form eines standardisierten Fragebogens mit  944 Viertklässlern aus unterschiedlichen Regionen Baden-Württembergs und ergänzend halboffene Interviews mit 41 Kindern aus der Kohorte derer, die den Fragebogen bearbeitet haben. Die Interviews werden qualitativ ausgewertet. Zu ihrer Durchführung wurde ein Computerprogramm entwickelt, mit dessen Hilfe die Kinder einen Bauernhof am Computer simulieren können. Das unmittelbare Lebensumfeld der Kinder war bei der Befragung zu berücksichtigen, da zu erwarten stand, dass Kinder, die in einer ländlichen Umgebung aufwachsen oder gar auf einem Bauernhof leben, über andere Vorstellungen verfügen, als Kinder im Zentrum einer Großstadt.

                                       

Die Studie umfasste die folgenden Fragestellungen:

o       Welche Rolle spielen Menschen, Tiere und Pflanzen in den Vorstellungen der Kinder?

o       Wirkt sich der Wohnort auf die Vorstellungen der Kinder über Landwirtschaft aus?

o       Sehen Kinder Landwirtschaft auch unter ökonomischem Aspekt?

·        Welche Vorstellungen haben die Schülerinnen und Schüler von der Tätigkeit des Landwirts und den Organisationsformen auf einem Bauernhof?

o       Wie sehen Kinder die Aufgaben des Landwirts und idealisieren sie diese?

o       Haben Kinder, die einen Bauernhof in Form von Besichtigungen oder Freizeitaktivitäten besucht haben, ein anderes Bild von Landwirtschaft, als Kinder, die nie auf einem Bauernhof waren?

·        Welche Vorstellungen im Hinblick auf Nachhaltigkeit haben die Kinder vom Verhältnis der Landwirtschaft zur Umwelt?

o       Inwieweit empfinden Kinder Landwirte als Umweltschützer?

o       Sind sich Kinder der unterschiedlichen Anbaumethoden bewusst?

Als zentrales Ergebnis der Erhebung kann hier überblicksartig festgehalten werden, dass sich die Schülervorstellungen zur Landwirtschaft eng an der Lebenswirklichkeit der Kinder orientieren und mit dieser verknüpft sind. Dabei haben Kinder keine geschlossene Vorstellung von Landwirtschaft, sondern eine divergierende, z.T. auch in sich widersprüchliche. Landwirtschaft wird mehr unter sozialem, denn unter ökologischem oder ökonomischem Aspekt gesehen, Familie gehört notwendigerweise ebenso zu einem Bauernhof, wie Tiere. Der Bereich der Tiere ist insgesamt der, über den die Kinder am besten Bescheid wissen, der Bereich der Pflanzen bestimmt den Bauernhof in den Vorstellungen der Kinder nicht so zwingend mit, wie Menschen und Tiere.

Die eigene Sicht und die wahrgenommene Realität der Kinder werden von ihnen verallgemeinert. Die Realbegegnung mit Landwirtschaft prägt die Kinder mehr als alle anderen Einflussfaktoren. Weitestgehend können die vorherrschenden Konzepte auf die eigenen Erfahrungen bei der Begegnung mit Landwirtschaft zurückgeführt werden, von einer subjektorientierten Konstruktion von Wirklichkeit kann ausgegangen werden.

 

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[1] Agenda 21, Kapitel 36

[2] Ceja: Conceil Européen des Jeunes Agriculteurs (Europäischer Verband der jungen Landwirte), Zusammenschluss der berufsständischen Junglandwirtorganisationen in den Ländern der EG. Die Studie wurde herausgegeben von INRA Deutschland, Mölln, August 1999